Sven Skoda und die beiden Chemnitzer Michael Brück und Yves Rahmel im Gespräch vor dem Start des Dresdner Trauermarsches. Foto: Kai Schwerdt.
An der Chemnitzer Beteiligung am diesjährigen “Trauermarsch” in Dresden zeigt sich erneut, wo die Schwächen und Stärken der Chemnitzer Neonaziszene derzeit liegen. Grund genug für eine kurze Analyse und einen Überblick über die Teilnehmenden aus der Region Chemnitz am Trauermarsch und dem zeitgleich stattfindenden “Ausbruch”-Marsch in Budapest.
Trotz einer dauerhaft aktiven neonazistischen Szene und etablierten Strukturen vor Ort, gelingt es der Chemnitzer Neonazi-Szene seit dem Verbot der “Nationalen Sozialisten Chemnitz” nicht, eine langfristig aktive, öffentlich auftretende Gruppe aufzubauen. Die 2014 verbotene Kameradschaft war die letzte Struktur, die öffentlich und langfristig auftrat. Ihre Zerschlagung hallt bis heute nach, was aber nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass einzelne Chemnitzer Akteure tragende Rollen in der überregionalen Szene spielen. Die Stärken und Prioritäten der extrem rechten Szene in der Stadt liegen mit der kommunalpolitischen Etablierung der “Freien Sachsen” und der Festigung von Vertriebs- und Wirtschaftsstrukturen mittlerweile woanders.
Identitäre behindern Fotograf*innen bei „Stolzmonat”-Kundgebung im Mai 2025 vor dem „Zentrum Chemnitz” (Foto: Recherchenetzwerk Berlin).
Seit fünf Jahren hat die Identitäre Bewegung (IB) in Chemnitz Fuß gefasst. Aus einer Kleinstgruppe, die über wöchentliche Stickeraktionen kaum hinauskam, entwickelte sich in wenigen Jahren eine der aktivsten IB-Gruppen im Bundesgebiet. Sie sammelt sich um das „Zentrum Chemnitz“, die aktuell einzige öffentliche Immobilie der IB in Deutschland. Doch hinter Wachsjacken und Segelschuhen stecken nicht immer die elitären, erfahrenen Aktivist*innen, die sie vorgeben zu sein.
Im Sommer dieses Jahres erschien auf de.indymedia.org eine Reihe von Outings, die Aufschluss über die Identitäten der meisten Personen um das Zentrum Chemnitz geben. Zusammen mit Fotos diverser IB-Aktivitäten auf pixelarchiv.org ergibt sich ein umfassendes Bild der Gruppe, das im Folgenden detailliert dargestellt werden soll.
Im Januar 2024 machte ein Immobiliendeal Schlagzeilen: Peter Kurth, einst für die CDU Finanzsenator in Berlin, hatte der Identitären Bewegung in Chemnitz den Kauf einer Ladenfläche im Stadtteil Schönau ermöglicht. Kurth soll der IB 50.000 Euro übermittelt haben. Offenbar auf ungewöhnlichem Wege, denn die Staatsanwaltschaft Chemnitz ermittelte nach der Transaktion wegen des Verdachts der Geldwäsche. Heute fungiert das „Zentrum Chemnitz“ in der Edisonstraße 2 vor allem als Treffort und als Briefkastenadresse für eine große Zahl an Vereinen und Firmen aus dem Dunstkreis der IB. Die Gruppe, die regelmäßig für Veranstaltungen und interne Treffen in der Immobilie zusammenkommt, hat unterdessen ihre Relevanz in der eigenen Blase erheblich steigern können: Der Ortsgruppenleiter Vincenzo Richter ist mittlerweile Bundesvorsitzender der IB, die Gruppe nimmt überregional an Treffen, Demonstrationen und Aktionen teil und mit Lucas Wenzel und Phil Friedrich sind gleich zwei Mitglieder innerhalb kürzester Zeit zu umtriebigen Filmern beim IB- und AfD-nahen extrem rechten Mediendienstleister „Filmkunstkollektiv“ geworden. Auch wenn der Personenkreis um das „Zentrum“ langsam, aber stetig wächst, konnte die Kerngruppe, die sich aus Chemnitz und umliegenden Landkreisen rekrutiert, bis heute nicht weit über zehn Personen hinauswachsen. Trotz eines vollgepackten Veranstaltungskalenders mit Vortragsabenden, mindestens wöchentlichen internen Treffen, Lesekreisen, Wanderungen und einer größtenteils professionellen medialen Selbstinszenierung schafft es die Gruppe heute weniger denn je, in die Stadtgesellschaft hineinzuwirken. Der Horizont der Identitären in Chemnitz endet an der Stelzendorfer Straße.
Die Chemnitz Revolte an der Spitze der Demonstration der “Freien Sachsen” am 18.01.2025 (Quelle: Johannes Grunert)
Am 18. Januar 2025 veranstalteten die “Freien Sachsen” eine gegen die Kulturhauptstadt-Eröffnung gerichtete Demonstration in der Chemnitzer Innenstadt. Besonders junge Rechte prägten das Außenbild der Demonstration, allen voran die “Chemnitz Revolte”, die mit ihrem eigenen Banner zeitweise die Spitze des Aufmarsches bildete. Die Freien Sachsen waren sichtlich bemüht, ihr eigenes Transparent vor den Block der jungen Chemnitzer Neonazis zu schieben. Stella Schmidt, die Anführerin der Chemnitz Revolte und Justin Elbel aus Gera gaben mit Megaphonen den Ton an. Die Berliner Kameradschaft “Deutsche Jugend Voran” (DJV) lief mit einem eigenen “Freiheit für Julian”-Banner mit. Julian Milz hatte sich als Anführer der “Deutsche Jugend Voran” (DJV) in Berlin und Brandenburg hervorgehoben und saß zu diesem Zeitpunkt in Untersuchungshaft. Der 18. Januar war der letzte Aufmarsch, zu dem die Chemnitz Revolte und ihr Umfeld in der Stadt erfolgreich mobilisieren konnten. Die Gruppe um Stella Schmidt verbuchte, trotz einer insgesamt niedrigen Teilnehmendenzahl und einer zwischenzeitlich erfolgreichen Blockade auf der Route, die Demonstration als vollen Erfolg.
Die “Chemnitz Revolte” am 19.10.2024 auf einem Aufmarsch in Berlin (Quelle: Pressefuchs)
Im Sommer 2024 sorgten hunderte, meist sehr junge Neonazis mit ihrem Auftreten auf Demonstrationen gegen zahlreiche Christopher Street Days (CSDs) für Aufsehen. Vielen schien es, als kämen diese zuvor politisch noch nicht in Erscheinung getretenen Personen und Gruppen aus dem Nichts. Umso größer waren die Schlagzeilen, denn mit dem Auftreten dieser neuen rechten Generation zeigte sich eine besorgniserregende Entwicklung: Im Zuge der sächsischen Kommunalwahlen 2024 wurden Wahlkämpfer*innen angegriffen, u.a. der SPD-Politiker Matthias Ecke, im September griffen junge Neonazis, die von einem Protest gegen einen CSD kamen, brutal eine Frau in einem Linienbus an, im Dezember schlugen junge Männer aus Sachsen-Anhalt, die aus ebendieser Szene stammen, ein SPD-Wahlkampfteam in Berlin zusammen. In Görlitz kam es schließlich kurz vor Weihnachten zu einem Angriff u.a. auf Linken-Politiker*innen, der Anführer der sogenannten “Elblandrevolte” soll daran beteiligt gewesen sein.
Bei den Landtagswahlen 2024 wählten 31% der 18-24-Jährigen in Sachsen die AfD, bei U18- und U16-Wahlen fiel die Zustimmung oftmals noch wesentlich höher aus. Junge Neonazis fallen in vielen sächsischen Städten im Stadtbild auf und scheinen die Jugendkultur zu dominieren. In Chemnitz bildete sich im Rahmen dieser Entwicklung die Gruppe “Chemnitz Revolte” heraus, die im Folgenden näher betrachtet wird.